Tief im Bambuswald, wo die Halme so hoch wuchsen, dass sie den Abendhimmel in weiche grüne Streifen zerteilten, lag Paco, das kleine Panda-Baby, in seinem weichen Moosnest. Das Moos war kühl und dick wie ein Kissen aus Samt, und es duftete nach Regen und nach frischer Erde. Überall zwischen den Bambushalmen schwebten Glühwürmchen und malten kleine goldene Punkte in die Dämmerung, als hätte jemand Sterne heruntergeholt und in den Wald gestreut. Der Wind kam ganz leise vorbei und bewegte die Bambusblätter, sodass sie flüsterten wie eine Melodie ohne Worte. Mama Panda saß neben Paco und streichelte ihm langsam über sein weiches Fell. "Heute Nacht", sagte sie sanft, "reist du zur geheimnisvollen Mondinsel. Dort wartet Miro auf dich, ein violetter Koala, und die Insel wird dir etwas schenken, das man nicht anfassen kann." Paco blinzelte müde. Mama Panda gab ihm einen warmen Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn, deckte ihn mit einem Blätterteppich zu, und Paco schloss die Augen und schlief friedlich ein.
Als Paco seine Augen wieder öffnete, lag er nicht mehr im Moos, sondern auf einem Sandstrand, der silbern schimmerte wie zerriebenes Mondlicht. Über ihm stand der Mond so nah und so groß, dass Paco meinte, er könne seine sanften Täler sehen. Das Meer ringsherum war dunkelblau und ganz still, und jede kleine Welle trug einen Streifen Licht auf ihrem Rücken. Es duftete nach Salz und nach einer Blume, die Paco nicht kannte, süß und kühl zugleich. Hinter dem Strand stiegen runde Hügel auf, bewachsen mit Bäumen, deren Blätter leise klingelten wie winzige Glöckchen. Die Luft war warm, und der Sand unter Pacos Pfoten war weich. "Die Mondinsel", flüsterte Paco staunend. "Mama hatte recht."
Paco tapste den Strand hinauf, und dort, auf einem Ast, der sich tief über den Sand bog, saß ein kleiner Koala. Sein Fell war violett wie Lavendel in der Abenddämmerung, und seine Augen glänzten freundlich. "Du bist Paco", sagte der Koala. "Ich bin Miro. Ich habe auf dich gewartet, seit der Mond hoch stand." Paco setzte sich neben den Ast und legte den Kopf schief. "Woher wusstest du, dass ich komme?" Miro deutete hinauf zum Mond. "Die Insel weiß es immer. Aber heute Nacht ist etwas anders." Er kletterte herab, stellte sich neben Paco in den silbernen Sand und zeigte auf die Hügel. "Komm mit. Ich möchte dir etwas zeigen, das mir Sorgen macht, ein kleines bisschen."
Gemeinsam wanderten sie über die klingelnden Hügel, bis sie in ein weites Tal blickten. Dort stand ein Baum, größer als alle anderen, mit einer Krone aus tausend feinen Zweigen. "Das ist der Mondlichtbaum", sagte Miro. "Jede Nacht blühen an ihm die Lichtblüten. Sie sammeln das Licht vom Mond und schenken es der Insel, damit die Wege leuchten und die Tiere sicher nach Hause finden." Paco schaute genauer hin. Der große Baum war dunkel. Nicht eine einzige Blüte glühte. "Seit drei Nächten blüht er nicht mehr", sagte Miro leise. "Viele Tiere sagen, er wird nie wieder blühen." Paco spürte, wie sein Herz ein bisschen schwer wurde. "Und was sagst du?" Miro schwieg lange. "Ich weiß es nicht mehr", antwortete er ehrlich.
Sie gingen zum Baum hinunter, und der Sand wurde zu weichem Gras, das im Dunkeln grau aussah. Am Stamm saßen kleine Tiere: drei Mondmäuse mit durchsichtigen Ohren, eine schläfrige Schildkröte und ein Vogel mit Federn wie Nebel. "Es ist vorbei", piepste die erste Mondmaus. "Wir haben gewartet und gewartet." Die Schildkröte seufzte tief und langsam. "Vielleicht hat der Baum einfach genug geleuchtet." Paco legte seine Pfote auf die raue Rinde. Sie war nicht kalt. Sie war warm, so warm wie Mama Pandas Fell. "Fühlt mal", sagte er. Miro legte seine Pfote daneben. Seine violetten Ohren zuckten. "Er lebt", flüsterte er überrascht. "Er ist nur müde." Die Mondmäuse rückten näher heran.
"Wenn er lebt", sagte Paco, "dann kann er auch wieder blühen." Miro sah ihn an, und in seinen Augen bewegte sich etwas Neues. "Aber wie?" Paco überlegte. "Die Blüten sammeln Mondlicht, sagst du. Vielleicht kommt das Licht nicht mehr bis zu ihm." Gemeinsam kletterten sie ein Stück am Stamm hinauf, Miro flink und geschickt, Paco langsam und vorsichtig, und oben sahen sie es: Über dem Tal hing eine dichte Decke aus grauen Wolken, still und weich wie Wolle. Der Mond schien daneben auf den Strand, auf die Hügel, auf das Meer, aber nicht in dieses Tal. "Die Wolken schlafen hier", sagte Miro. "Sie sind so gemütlich geworden, dass sie nicht mehr weiterziehen."
Paco und Miro saßen im höchsten Zweig und schauten hinauf. "Wolken kann man nicht wegtragen", sagte Miro. "Nein", sagte Paco, "aber vielleicht kann man sie bitten." Miro musste lachen, ein leises, überraschtes Lachen. "Bitten?" Paco nickte ernst. "Mama sagt, alles, was schläft, hört trotzdem zu." Also begann er zu rufen, nicht laut, sondern freundlich, wie man jemanden weckt, den man gern hat. "Liebe Wolken, wacht auf, der Baum wartet auf euer Licht." Nichts geschah. Paco rief noch einmal. Wieder nichts. Miro rutschte näher und legte seine violette Pfote auf Pacos Rücken. "Komm", sagte er, "wir versuchen es zusammen. Zwei Stimmen sind wärmer als eine."
Sie riefen gemeinsam, und dann riefen auch die Mondmäuse mit ihren hohen Piepsstimmen, und die Schildkröte brummte tief dazu, und der Nebelvogel sang eine Melodie, die klang wie Wind in einer Muschel. Die Wolkendecke bewegte sich nicht. Die zweite Mondmaus ließ die Ohren hängen. "Es hilft nichts." Da tat Miro etwas, das ihn selbst überraschte. Er richtete sich auf und sagte: "Dann rufen wir eben weiter. Solange der Baum warm ist, ist nichts vorbei." Paco sah ihn an und strahlte. "Genau das", sagte er. Und so riefen und sangen sie durch die stillen Stunden, immer wieder, ohne aufzuhören, und ihre Stimmen wurden weich und ruhig wie ein Wiegenlied.
Und irgendwann, ganz langsam, zog ein zarter Wind über das Tal. Er kam vom Meer her, roch nach Salz, und er hatte ihre Stimmen gehört. Sanft schob er die schläfrigen Wolken an, eine nach der anderen, wie eine Mutter, die morgens die Vorhänge öffnet. Ein einziger dünner Mondstrahl fiel durch einen kleinen Riss, gerade so breit wie Pacos Pfote. Er traf einen einzigen Zweig. Und dort, an der Spitze, öffnete sich eine Blüte. Sie war weiß und durchsichtig und leuchtete, als hätte jemand einen Tropfen Mond in sie gegossen. "Miro", flüsterte Paco. "Schau." Miro sagte kein Wort. Er weinte ein winziges bisschen, aber es waren gute Tränen.
Der eine Strahl wurde zu zehn, und die Wolken zogen weiter hinaus über das Meer, wo sie sich in Silber auflösten. Das Mondlicht floss in die Krone wie Wasser in ein trockenes Bett, und überall öffneten sich Blüten, hunderte, tausende, bis der ganze Baum wie eine leuchtende Wolke im Tal stand. Das Licht lief die Wege hinunter, über die Hügel, bis zum Strand, und die ganze Mondinsel wurde hell und warm. Die Mondmäuse tanzten im Gras, die Schildkröte lächelte langsam, und der Nebelvogel flog Kreise durch das Licht. Miro stand mitten in dem Leuchten, und sein violettes Fell schimmerte wie Lavendel, über den man Sternenstaub gestreut hat.
Später saßen Paco und Miro wieder auf dem höchsten Zweig, mitten in den Blüten, und die Insel unter ihnen leuchtete leise. "Ich hatte fast aufgehört zu glauben", sagte Miro. "Drei Nächte lang dachte ich, es ist vorbei." Paco lehnte seinen Kopf an Miros weiche Schulter. "Aber du hast weitergerufen." Miro nickte langsam. "Weil du gesagt hast, dass er warm ist." Eine Blüte löste sich und schwebte an ihnen vorbei, hinaus über das stille Meer. Die Mondmäuse waren am Stamm eingeschlafen, dicht aneinander gekuschelt, und die Schildkröte hatte die Augen zu. Über der Insel stand der Mond, groß und rund und ruhig, und das Licht des Baumes stieg zu ihm hinauf wie ein sanftes Dankeschön.
Paco schaute in das Meer aus Blüten und verstand etwas, das ganz leise in ihm ankam und blieb. Hoffnung, dachte er, ist nicht ein Wissen, dass alles gut wird. Hoffnung ist das Weiterrufen, wenn noch nichts leuchtet. Es ist die warme Rinde unter der Pfote, wenn alle sagen, der Baum sei erloschen. Es ist ein kleiner Riss in einer großen Wolke, durch den ein einziger Strahl passt, und ein einziger Strahl reicht für eine einzige Blüte, und eine einzige Blüte reicht, damit tausend folgen. Und am schönsten ist Hoffnung dann, wenn man sie teilt, wenn zwei Stimmen rufen statt einer. Miro gähnte und legte seine violette Pfote in Pacos Pfote, und beide wurden ganz still. Und nun schlaf auch du gut, du liebes Kind. Wenn heute etwas dunkel war, dann ruh dich aus und ruf morgen weiter. Über dir leuchten Blüten aus Mondlicht, und sie leuchten für dich die ganze Nacht.