Tief im Bambuswald, wo die Halme so hoch wachsen, dass sie den Abendhimmel in schmale blaue Streifen zerschneiden, lag Paco, das Panda-Baby, in seinem weichen Moosnest. Das Moos war kühl und dicht und roch nach Regen und nach frischen Blättern. Zwischen den Bambushalmen schwebten die Glühwürmchen und malten kleine goldene Punkte in die Dunkelheit, als hätte jemand Sterne in den Wald geschüttet. Der Wind strich sanft über die Bambusblätter, und sie flüsterten ein Lied, das nur Pandas verstehen. Mama Panda saß neben Paco und streichelte ihm langsam über sein weiches Fell. "Heute Nacht wartet eine besondere Traumreise auf dich", sagte sie leise. "Du wirst Timo treffen, den goldblauen Traumtiger. Und ihr beide werdet ein Schloss betreten, das ganz und gar aus Schokolade gebaut ist." Paco lächelte, weil das Wort Schokolade schon beim Zuhören süß schmeckte. Mama Panda gab ihm einen Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn und deckte ihn mit einem großen, warmen Bambusblatt zu. Paco schloss seine Augen und schlief friedlich ein.
Als Paco seine Augen wieder öffnete, lag er nicht mehr im Moos, sondern auf einem Hügel aus weichem Marzipanmoos. Vor ihm ragte ein riesiges Schloss in den Himmel, ganz aus Schokolade: dunkle Türme, helle Brücken, Fenster aus goldbrauner Zuckerglasur. Die Luft war warm und duftete so wunderbar nach Kakao, dass Paco einfach nur tief einatmete und lächelte. Irgendwo klang ein leises Plätschern, denn rund um das Schloss floss ein Bach aus flüssiger Schokolade und gluckste über kleine Nusssteine. Der Himmel schimmerte rosa wie Erdbeercreme, und aus den Wolken fiel ganz feiner, glitzernder Puderzuckerschnee, der auf Pacos schwarzem Fell landete wie Sternenstaub. Paco kitzelte es an der Nase. "Das", flüsterte er glücklich, "ist der süßeste Ort der ganzen Welt."
Paco tapste über eine Brücke aus weißer Schokolade, und da hörte er ein tiefes, freundliches Schnurren. Aus dem großen Schlosstor trat ein Tiger. Sein Fell war goldgelb wie Honig, und über den goldenen Streifen leuchteten andere Streifen in tiefem Blau, so blau wie der Bambuswaldhimmel kurz vor der Nacht. "Du bist Paco", sagte der Tiger und senkte höflich den Kopf. "Ich bin Timo, der goldblaue Traumtiger. Ich habe auf dich gewartet." Paco staunte, denn Timo war groß, aber seine Augen waren so sanft wie warme Milch. "Wartest du oft hier?", fragte Paco. Timo schwieg kurz. "Jede Nacht", sagte er dann leise. "Das Schloss ist wunderschön. Aber es ist sehr groß, wenn man allein darin wohnt." Paco legte seine kleine Pfote auf Timos Vorderpfote.
Timo führte Paco in die Schlosshalle, und dort blieb Paco einfach mit offenem Mund stehen. Die Decke war ein Gewölbe aus glänzender Zartbitterschokolade, und überall hingen Lampen aus Karamell, die ein warmes, honigfarbenes Licht in den Raum gossen. In der Mitte stand eine Treppe mit hundert Stufen aus Nougat, und an den Wänden wuchsen Blumen aus Zuckerguss, die sich langsam zum Licht drehten. "Darf ich einmal probieren?", fragte Paco vorsichtig. "Alles hier darf geknabbert werden", schnurrte Timo, "es wächst über Nacht wieder nach." Paco naschte einen winzigen Bissen vom Treppengeländer und kicherte. Timo lachte dabei zum ersten Mal, und sein Lachen klang wie ein weiches Grollen. Es hallte fröhlich durch die große Halle.
Gemeinsam liefen sie durch Gänge und Säle, und Timo zeigte Paco alle seine Lieblingsplätze. Da war der Spiegelsaal aus glatter Schokolade, in dem man sich doppelt und dreifach sah. Da war der Wintergarten mit Palmen aus grüner Pistaziencreme. Und da war ein Zimmer, in dem es ganz leise nach Vanille regnete. "Dieses Zimmer hat noch niemand außer mir gesehen", sagte Timo. Paco drehte sich im Vanilleregen und streckte die Zunge heraus. "Dann ist es jetzt unser Zimmer", sagte er. Timo blieb einen Augenblick still stehen. "Unser", wiederholte er, als wäre das Wort selbst ein Bonbon, das er zum ersten Mal schmeckte. Draußen zog der Puderzuckerschnee an den Zuckerglasfenstern vorbei.
Ganz oben im höchsten Turm stand eine Tür aus Honigwachs, und dahinter lag der Herzsaal des Schlosses. In seiner Mitte schwebte ein großer Brunnen, aus dem warme Schokolade nach oben stieg, statt nach unten zu fallen. "Das ist das Herz", erklärte Timo leise. "Solange es fließt, bleibt das Schloss weich und warm und lebendig." Paco betrachtete die goldene Fontäne, die sich in der Luft in kleine Tropfen teilte und leise klingelte wie winzige Glöckchen. "Und wer passt darauf auf?", fragte er. Timo setzte sich davor und legte den Schwanz um seine Pfoten. "Ich", sagte er. "Aber ehrlich gesagt weiß ich nicht genau, wie. Ich habe es noch nie jemandem erzählt." Paco setzte sich dicht neben ihn.
In dieser Nacht wurde die Fontäne langsamer. Erst tropfte sie nur noch, dann sank sie in sich zusammen wie ein müdes Lied. Ein Hauch kühler Luft zog durch den Herzsaal, und die Karamelllampen wurden blasser. Paco sah, wie eine Zuckerblume an der Wand ihre Blätter zumachte. "Es wird kalt", flüsterte Timo, und seine blauen Streifen leuchteten ganz schwach. "Wenn die Schokolade hart wird, kann man keine Türen mehr öffnen. Dann sitze ich fest in einem Schloss aus Stein." Paco spürte sein kleines Pandaherz klopfen. Aber er spürte noch etwas anderes, etwas Stärkeres: Er wollte Timo nicht allein lassen. "Wir finden es zusammen heraus", sagte er fest. "Zu zwei denkt man besser."
Sie suchten nach dem Grund und krochen dabei hinter den Brunnen, wo niemand sonst hinsah. Dort entdeckten sie einen kleinen Ofen aus Kupfer, der tief unter dem Boden saß. In ihm lag ein einziges glimmendes Kakaoholz, fast schon zu Asche geworden. "Das Feuer hält die Schokolade weich", stellte Paco fest. Timo schnupperte betroffen. "Ich wusste nicht, dass es Holz braucht. Ich habe immer nur gewartet, dass alles von allein gut bleibt." Paco schüttelte den Kopf, aber ganz freundlich. "Das musst du doch nicht allein wissen. Ich weiß, wo Holz wächst." Denn draußen am Marzipanhügel hatte er einen Wald aus Kakaobäumen gesehen, dessen Zweige im Zuckerschnee lagen.
Der Weg hinaus war weit, und das Schloss wurde mit jedem Schritt steifer. An der letzten Tür klemmte die Schokolade schon fast. "Ich schiebe, du ziehst", rief Paco. Timo stemmte sich mit der Schulter dagegen, Paco zog mit allen vier Pfoten am Griff aus Lakritz, und mit einem satten Knacken sprang die Tür auf. Draußen sammelten sie Kakaozweige, und weil Pacos Arme so kurz waren, band Timo die Bündel mit seinem Schwanz zusammen. Paco trug die kleinen Zweige, Timo die großen. Der Puderzuckerschnee fiel dichter, doch keiner von beiden fror, denn wer zusammen arbeitet, bleibt warm. "Du bist ein guter Freund", sagte Timo. Paco grinste: "Ihr Tiger seid stark, wir Pandas sind gründlich."
Zurück im Herzsaal legten sie die Zweige behutsam in den kleinen Kupferofen. Paco pustete vorsichtig, immer wieder, ganz sanft, so wie man eine Pusteblume nicht wegpusten möchte. Timo legte seine große Pfote schützend um die Glut, damit kein Zug sie löschte. Zuerst geschah nichts. Dann sprang ein winziges Fünkchen auf, dann ein zweites, und plötzlich glühte das Kakaoholz in warmem Orange. Ein Duft wie an einem Kuchentag füllte den Saal. Die Schokolade seufzte, wurde weich, und der Brunnen stieg wieder nach oben, höher als vorher, und teilte sich in tausend goldene Tropfen, die im Licht wie kleine Sonnen tanzten. Die Zuckerblumen öffneten sich, und Timos blaue Streifen leuchteten so hell, dass der ganze Turm blau und golden schimmerte.
Paco und Timo legten sich zusammen an den warmen Rand des Brunnens und schauten der Fontäne zu. Die Karamelllampen glommen wieder honigfarben, und draußen zog der Puderzuckerschnee ruhig an den Fenstern vorbei. "Weißt du", sagte Timo langsam, "das Schloss war nie kalt, weil das Feuer klein war. Es war kalt, weil ich niemanden hatte, dem ich davon erzählen konnte." Paco kuschelte sich in Timos goldblaues Fell, das sich anfühlte wie eine Sommerwiese. "Dann erzähl es mir jede Nacht", murmelte er. Timo schnurrte so tief, dass der Boden leise mitzitterte. Über ihnen sammelten sich die goldenen Schokoladentropfen und blieben in der Luft stehen, wie ein Himmel voller kleiner Lichter, nur für die beiden.
Und während Paco dort lag, das Schnurren im Ohr und den Kakaoduft in der Nase, verstand er etwas ganz Einfaches und ganz Großes: Das Schönste an diesem Schloss war nicht die Schokolade und nicht das Gold und nicht der Brunnen aus Licht. Das Schönste war, dass sie es gemeinsam gerettet hatten. Ein Freund ist jemand, der mit dir in den Zuckerschnee hinausgeht, wenn es kalt wird. Ein Freund ist jemand, dem du erzählen kannst, was du nicht weißt, ohne dich dafür zu schämen. Allein war Timo in einem riesigen Schloss gewesen. Zu zweit war aus dem Schloss ein Zuhause geworden. Timo legte seinen weichen Kopf neben Pacos, und die goldenen Tropfen über ihnen wiegten sich leise hin und her wie ein Schlaflied. Und auch du, kleiner Freund, schließ jetzt die Augen. Kuschel dich ganz warm ein, atme tief den süßen Kakaoduft, und träum von Freunden, die dich halten. Schlaf gut, süße Träume, gute Nacht.