← Pacos Traumreisen

Gute-Nacht-Geschichte zum Vorlesen · etwa 11 Minuten

Paco und Yuna, der violette Schmetterling, im Garten der schlafenden Wünsche

Eine ruhige Einschlafgeschichte zum Vorlesen – Paco trifft Yuna, der violette Schmetterling im Garten der schlafenden Wünsche. Etwa 11 Minuten. Kostenlos lesen.

Tief im Bambuswald, dort wo die Halme so hoch wuchsen, dass sie den Abendhimmel kitzelten, lag Paco, das kleine Panda-Baby, in seinem weichen Moosnest. Das Moos war warm vom Tag und roch nach Regen und nach grünen Blättern. Zwischen den Bambushalmen schwebten unzählige Glühwürmchen und malten kleine goldene Punkte in die Dämmerung. Der Wind strich sanft durch den Wald und wiegte die Bambusblätter hin und her, als wollte er dem ganzen Wald ein Schlaflied summen. Mama Panda saß bei Paco und streichelte ihn mit ihrer großen weichen Pfote über sein schwarzweißes Fell. „Heute Nacht", sagte sie leise, „wartet eine ganz besondere Traumreise auf dich. Du wirst Yuna treffen, einen violetten Schmetterling mit Flügeln wie Abendlicht. Gemeinsam geht ihr in den Garten der schlafenden Wünsche. Dort schlafen die Wünsche in stillen Blüten und warten darauf, dass jemand sie weckt." Paco lächelte müde. Mama Panda gab ihm einen Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn, deckte ihn mit einem großen Bambusblatt zu und summte weiter. Paco schloss die Augen und schlief friedlich ein.

Als Paco die Augen wieder öffnete, lag er nicht mehr in seinem Moosnest, sondern in einer Wiese aus silbrigem Gras. Über ihm wölbte sich ein Himmel in weichem Violett, und darin hingen Sterne, die langsam blinzelten, als wären auch sie kurz vorm Einschlafen. Überall wuchsen Blüten, große und kleine, doch alle waren fest geschlossen wie kleine schlafende Fäuste. Es roch nach Honig, nach Nachtluft und ein klein wenig nach warmem Vanillekuchen. Irgendwo plätscherte Wasser. Ein lauer Wind trug ein feines Klingen heran, so leise, als würden winzige Glöckchen im Gras schlafen und dabei im Traum läuten. Paco setzte sich auf, staunte und flüsterte: „Das ist der Garten der schlafenden Wünsche."

Da löste sich von einer der geschlossenen Blüten ein violetter Punkt und flatterte auf Paco zu. Es war ein Schmetterling, dessen Flügel schimmerten wie Abendlicht auf Wasser. „Ich bin Yuna", sagte der Schmetterling und setzte sich auf Pacos Pfote, so leicht, dass es kitzelte. „Ich wohne hier. Und ich habe lange auf jemanden gewartet, der mit mir zusammen etwas herausfinden will." Paco blinzelte. „Ich bin Paco. Was willst du denn herausfinden?" Yuna ließ die Flügel einmal auf und zu gehen. „Warum hier keine einzige Blüte mehr aufwacht", sagte Yuna leise. „Früher hat jede Nacht mindestens ein Wunsch die Augen aufgeschlagen. Jetzt schlafen sie alle. Schon sehr, sehr lange."

Gemeinsam gingen die beiden los, Paco im weichen Gras, Yuna dicht über seinem Kopf. Paco berührte eine Blüte ganz vorsichtig mit der Nasenspitze. Sie blieb geschlossen. Er pustete eine andere an. Auch die blieb zu. „Vielleicht muss man sie kitzeln", schlug Paco vor, und Yuna probierte es mit den Flügelspitzen, aber die Blüte schlief einfach weiter. So kamen sie immer tiefer in den Garten hinein, bis vor ihnen etwas Rundes im Sternenlicht glänzte: ein alter Brunnen aus hellem Stein, und auf seinem Rand stand eine Gießkanne, die aussah, als wäre sie aus gefrorenem Mondlicht gemacht. Der Brunnen aber war leer. Ganz leer. Nicht ein einziger Tropfen.

Auf dem Brunnenrand saß eine Schnecke mit einem silbrigen Haus. „Ich bin Amalie, die Mondgärtnerin", sagte sie langsam, denn Schnecken sagen alles langsam. „Ihr fragt euch, warum die Wünsche schlafen. Ich sage es euch: Wunschblüten wachen nur auf, wenn sie mit Tau von der Wunschbaumquelle gegossen werden. Und dieses Wasser lässt sich nicht tragen, nicht schenken und nicht ausleihen. Jeder muss seinen Tropfen selbst holen. Ganz allein. Und seit langer Zeit ist niemand mehr hinaufgestiegen." Paco schaute nach oben. Weit über dem Garten stand ein riesiger Baum, dessen Krone im Nebel verschwand. „Da hinauf?", flüsterte er. Amalie nickte langsam. „Da hinauf."

Yuna zitterte ein wenig mit den Flügeln. „Ich fliege sonst immer auf dem warmen Aufwind", gestand Yuna. „Der trägt mich von Blüte zu Blüte, und ich muss fast nichts tun. Aber oben am Baum ist die Luft still. Da müsste ich ganz allein fliegen. Das habe ich noch nie gemacht." Paco sah an dem Stamm hinauf, der breit und rau und sehr, sehr hoch war. „Und ich bin noch nie geklettert, ohne dass Mama unter mir stand", sagte er leise. Amalie lächelte. „Dann habt ihr beide heute Nacht etwas vor. Der Weg teilt sich am Fuß des Baumes. Yuna fliegt außen. Paco klettert innen. Und jeder holt seinen eigenen Tropfen."

Am Fuß des Baumes berührte Paco den Schmetterling ganz sanft mit der Nasenspitze. „Ich warte hier nicht", sagte er. „Ich klettere. Aber ich denke die ganze Zeit an dich." Dann stieg Yuna auf. Die ersten Flügelschläge waren leicht, doch je höher es ging, desto stiller wurde die Luft. Kein Aufwind. Kein Tragen. Nur Yuna. Einmal sank Yuna ein Stück ab, erschrak und wollte umkehren. Doch dann dachte Yuna an die vielen schlafenden Blüten, atmete die kühle Nachtluft ein und schlug weiter, klein und tapfer, Schlag für Schlag, immer höher in den Nebel hinein, bis der Garten unten nur noch wie ein glitzernder Teppich aussah.

Ganz oben, wo die Äste sich zu einer Schale bogen, fand Yuna die Quelle. Es war kein Bach und kein Fluss, sondern nur eine winzige Mulde in der Rinde, in der ein einziger Tautropfen zitterte und leuchtete wie ein kleiner Mond. Yuna setzte sich an den Rand und musste erst einmal verschnaufen. Dann sagte Yuna ganz leise, fast ungläubig: „Ich bin geflogen. Ganz allein bin ich geflogen." Und die Flügel, die eben noch gezittert hatten, fühlten sich plötzlich stark an. Vorsichtig nahm Yuna den Tropfen auf die Flügelspitze, wo er hing wie eine kleine leuchtende Perle, und wartete auf Paco.

Paco kletterte unterdessen innen im Stamm, wo eine alte Spirale aus Wurzeln nach oben führte. Die Stufen waren hoch, und seine Pfoten waren klein. Zweimal rutschte er ab und landete weich auf einem Polster aus Moos. „Yuna!", rief er einmal. „Kannst du mich hochtragen?" Aber Yuna war weit oben und konnte ihn gar nicht hören, und das war gut so. Denn nun schaute Paco genauer hin. Er fand eine Wurzel, die war wie ein Geländer. Er fand eine Kerbe für die linke Pfote und eine Wölbung für die rechte. Er zählte leise mit: eine Stufe, noch eine Stufe, noch eine. Und auf einmal war das Klettern gar nicht mehr schwer, sondern wie ein Lied.

Als Pacos Kopf oben aus der Baumkrone auftauchte, jubelte Yuna so laut, wie ein Schmetterling nur jubeln kann, nämlich ganz leise. In der Mulde war inzwischen ein zweiter Tropfen gewachsen, und Paco fing ihn behutsam mit der Pfote auf. Gemeinsam schwebten und rutschten die beiden hinunter zum Brunnen. Dort ließen sie ihre Tropfen in die Mondkanne fallen. Da geschah das Wunder: Aus zwei Tropfen wurde ein Schwappen, aus einem Schwappen ein Rauschen, und die Kanne füllte sich bis zum Rand mit silbernem Licht. Paco hob sie mit beiden Pfoten, Yuna setzte sich auf den Henkel, und zusammen gossen sie den ganzen Garten. Überall, wo das Licht den Boden berührte, begannen die Blüten sich zu strecken.

Eine nach der anderen öffneten sich die Wunschblüten. Aus jeder stieg ein kleiner Lichtfunke auf, leise wie ein Seufzer, und schwebte hinauf zu den blinzelnden Sternen. Der ganze Garten leuchtete nun violett und golden, und es roch nach Honig und nach Sommer. Amalie, die Mondgärtnerin, sagte langsam: „Danke, ihr zwei. Ihr habt nichts gefunden, was verloren war. Ihr habt etwas geschafft, was ihr vorher noch nie geschafft hattet." Paco und Yuna legten sich ins weiche Silbergras, mitten zwischen die wachen Wünsche. Über ihnen tanzten die Lichtfunken, ganz ruhig, ganz langsam, wie ein Karussell, das müde wird. Und zwei Blüten ganz nah bei ihnen öffneten sich zuletzt und leuchteten besonders warm.

Paco schaute in das Licht seiner eigenen Blüte, und etwas wurde ganz tief in ihm warm. Er hatte immer gedacht, er könne nur klettern, wenn jemand Größeres unter ihm steht. Und Yuna hatte gedacht, Fliegen ginge nur mit einem Wind, der trägt. Aber in dieser Nacht hatten sie beide gemerkt: Manche Dinge muss man selbst tun, damit sie einem wirklich gehören. Nicht, weil niemand helfen möchte. Sondern weil in jedem von uns ein eigener kleiner Wind wohnt und eine eigene starke Pfote, die nur darauf warten, endlich einmal gebraucht zu werden. „Morgen probiere ich etwas Neues ganz allein", flüsterte Paco. „Ich auch", flüsterte Yuna zurück. Dann kuschelten sich die beiden aneinander, während der Garten der schlafenden Wünsche leise um sie herum summte. Und auch du trägst so einen eigenen Wind in dir. Schließ die Augen, atme ruhig und schlaf gut. Gute Nacht.